Reverse-Freiwillige und ihre Gastfamilien

Reverse-Freiwillige des Bistums Trier. © Bistum Trier

Im Sommer 2018 wird der siebte Jahrgang Reverse-Freiwilliger deutschen Boden betreten – im Vergleich zum 37. Jahrgang der Entsendungen in den Globalen Süden immer noch ein junges Programm.

Die Kinderkrankheiten konnten überwunden werden. Nach anfänglicher sehr intensiver Suche nach finanziellen Mitteln für das Programm ist nun seit vier Jahren die Finanzierung durch das Bundesprogramm „weltwärts“ in Kombination mit dem Bundesfreiwilligendienst zumindest bis 2020 sichergestellt. Dadurch orientiert sich das Programm nun deutlich an den Standards des Bundesfreiwilligendienstes.

Das erschwert die Einsatzstellensuche an manchen Orten, denn der Bundesfreiwilligendienst sieht ein Arbeitsfeld mit hundertprozentigem Stellenumfang vor. Gerade für die Anerkennung neuer Stellen in kleinen Einrichtungen ist diese Vorgabe nicht so leicht zu erfüllen. Gleichzeitig erleichtert die Struktur aber auch Zugänge, denn viele Einrichtungen mit mehreren Bundesfreiwilligendienstleistenden können leichter einen Reverse-Freiwilligen aufnehmen.

Ein Hindernis bleibt weiterhin die Integration der Freiwilligen in den deutschen Alltag. Gastfamilien müssen gesucht, die Aufnahme in örtliche Strukturen organisiert werden. An dieser Stelle ist das Reverse-Programm auf aktive Kirchengemeinden angewiesen, die Interesse und Freude daran haben, junge Menschen bei sich aufzunehmen, die Gastfamilien zu stellen und einen jungen Erwachsenen darin zu unterstützen, Kontakte und Anschluss in der Gemeinde zu finden.

Doch leider finden sich keine oder nur wenige Gastfamilien. In vielen Gemeinden ist das häufig auch das Ausschlusskriterium, erneut einen Freiwilligen aufzunehmen. Innerhalb des Reverse-Programms sind sowohl „Mehrfach“-Täter als auch Gastfamilien zu finden, die nur ein einziges Mal einen Freiwilligen aufnehmen. Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Verhaltensweisen, und stehen diese im Zusammenhang mit der erfolglosen Suche nach Gastfamilien?

Folgende Punkte können vielleicht eine Antwort darauf geben:

Eigener Anspruch: Deutschland ist das Land der Perfektionisten. Wer für drei bis sechs Monate einen Freiwilligen aufnimmt, hat im Kopf sicherlich schon die eine oder andere Vorstellung: Ein eigenes Zimmer muss schon sein, am besten noch ein eigenes Bad für den Freiwilligen; es sollte immer jemand da sein, damit er nicht alleine ist, und natürlich sollte es mindestens ein Gastgeschwister geben. Es ist nicht so leicht, dies alles zu erfüllen. Aber niemand stellt diese Ansprüche, außer den Gastfamilien selbst. Ein Freiwilliger kann und wird sich auch wohlfühlen, wenn er/sie kein eigenes Bad hat, es keine Gastgeschwister gibt oder beide Gasteltern berufstätig sind.

Übergang vom Gast zu Familienmitglied: Höflichkeit ist gut, gegenseitiger Respekt geboten, Privatsphäre zu achten – aber irgendwann einmal in den drei bis sechs Monaten kommt es doch: Es wird gestritten in der Familie, und der Freiwillige steht daneben; es gibt eine Krise, und der Freiwillige ist mittendrin; es gibt nichts Spannendes oder Aufregendes, und man verbringt einfach einen langweiligen Abend vor dem Fernseher. Dies ist der Moment, wo der Freiwillige nicht mehr Gast ist, sondern Teil der Familie wird. Vor allem Konfliktsituationen sind nicht leicht für die Freiwilligen. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, oder erschrecken über die Art und Weise, wie gestritten wird. Aber genau dann wird die Grenze durchbrochen. Davor haben viele Deutsche großen Respekt. Das hat vielleicht mit unserem Verständnis von Privatsphäre, von Konflikten, von „familienintern“ und „öffentlich“ zu tun. Aber gerade hier finden gegenseitiges Kennenlernen und interkulturelles Lernen am intensivsten statt.

Erwartungen an den Freiwilligen: Und wenn der Freiwillige so gar nicht so ist, wie man sich das vorgestellt hat? „Der Freiwillige zeigt kein Interesse“, heißt es dann schnell. „Warum auch?“, könnte man entgegnen: Er hat schließlich schon 40 Stunden alles gegeben, in einer fremden Sprache, in einer fremden Kultur, irgendwann mal ist Schluss mit der Offenheit, sich für etwas Neues zu interessieren. Wer kennt das nicht von sich selbst? Auch bei der schönsten Reise möchte man einfach einmal nur alleine sein, möchte schlafen, ausruhen, mit bekannten Gesichtern sprechen. Das tut gut und gibt Kraft. Dass da nicht immer die Gastfamilien die ersten Ansprechpartner sind, ist leicht nachzuvollziehen, kennt man sich doch erst kurze Zeit. Wer akzeptieren kann, dass Interesse sich zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Formen äußert, kann sich ruhig trauen, einen Freiwilligen aufzunehmen.

Wie könnte die Barriere durchbrochen werden? Die Antwort ist einfach: Probieren Sie es aus. Ohne Garantie, dass Ihre Erwartungen und Ansprüche erfüllt werden, aber mit der Zusage, dass Sie etwas Neues und sich selbst neu erleben werden. Das tun die Freiwilligen in ihrem Reverse-Jahr übrigens genauso – etwas Neues probieren und sich selbst neu erleben.

Von Alexandra Guserle

Alexandra Guserle ist Diözesanleiterin des BDKJ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart und gehört der Leitung des Bischöflichen Jugendamts in Wernau am Neckar an.

Dieser Artikel erschien in der 2. Ausgabe der DRS Global von April 2018 – aus der weltkirchlichen Arbeit der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.