„Was ich noch zu sagen hätte …“

Zum Eintritt in ihren Ruhestand zieht Gertrud Casel Bilanz als Geschäftsführerin der Deutschen Kommission Justitia et Pax sowie der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung zu entwicklungs- und friedenspolitischen Fragestellungen. Die Weltkirche habe hier auch künftig einiges in die „Waagschale“ zu werfen.

Beim Wegräumen der Berge von Papier, Sitzungs- und Tagungsunterlagen, Berichte, Referate, Beiträge zu Hearings, Side Events und Veröffentlichungen ging mir durch den Sinn: Wir haben viel zu Stande gebracht bei Justitia et Pax und der GKKE in all den Jahren – mit sehr wenig personellen und finanziellen Ressourcen.

Das ging nur wegen des guten Miteinanders nach innen und außen. Und der rote Faden bleibt durchaus sichtbar: Mehr Gerechtigkeit und Frieden in einer regelbasierten internationalen Zusammenarbeit zu erreichen, auf dem schwierigen Weg zu einer Weltgesellschaft. Eine „global citizenship“ muss die heute eher national geprägte Identität zukünftig ablösen.

Das globale Dorf rückt näher zusammen, im Guten wie im Schlechten. Wir sind schon auf dem Weg zu einer „global citizenship“. Ein Weg im steilen Auf und Ab, der im 20. Jahrhundert durch die Katastrophen der beiden Weltkriege gegangen ist, auf dem es aber Aufbrüche gab wie die Gründung der Vereinten Nationen, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die dieses Jahr 70 wird, in der die Würde aller Menschen in allen Lebensphasen ihren notwendigen rechtlichen Ausdruck gefunden hat. Auf dem Weg zu einer regelbasierten internationalen Zusammenarbeit, zu mehr Gerechtigkeit und Frieden war die Agenda 2030, die die UN-Vollversammlung im September 2015 beschlossen hat, ein weiterer Meilenstein. Angesichts von Rückschlägen wie Populismus und Fundamentalismus in Europa und weltweit, von autoritären Regierungen, von einer abenteuerlichen Deregulierung müssen wir dieses Ziel im Auge behalten. Gerade die Religionen und insbesondere die christlichen Kirchen und die katholische Kirche sind herausgefordert, ihre reichen Potentiale für Gerechtigkeit und Frieden voll in die Waagschale zu werfen, weltweit, national und vor Ort.

Schon lange vor 2015 gab es international eine Wiederentdeckung der Religion und ihrer Bedeutung für Entwicklung. „Religions are the gate keepers to the heart of the people“, so drückte es ein Verantwortlicher der Weltbank für das Programm Religionen und Entwicklungszusammenarbeit aus. Religionen tradieren und feiern das, was Menschen verbindet, ihre Herkunft, wechselseitige Zugehörigkeit und gemeinsames Ziel, wie es Papst Franziskus in Laudato si‘ so treffend beschrieben hat: „Es fehlt das Bewusstsein des gemeinsamen Ursprungs, einer wechselseitigen Zugehörigkeit und einer von allen geteilten Zukunft.“ (Laudato si‘ 202). Ein solches Grundbewusstsein beschreibt er zu Recht als Voraussetzung für die Entwicklung neuer Überzeugungen, Verhaltensweisen und Lebensformen für das, was unter großer Transformation auf nachhaltige Entwicklung hin diskutiert wird.

Und da hat gerade die katholische Kirche als Weltkirche große Stärken im Zeugnis für das trotz allem wachsende Reich Gottes, die uns zumindest in der Justitia et Pax-Familie weltweit verpflichten:

  • die Option für die Armen in Verkündigung und Praxis, explizit seit dem II. Vatikanum, ausgeführt in der Enzyklika Populorum Progressio
  • die Ethik der Arbeit, einer menschenwürdigen, einer guten Arbeit seit Rerum Novarum
  • der konsequente Einsatz für Migrantinnen und Migranten in Advocacy und in der Pastoral, in Herkunfts-,Transit- und Zielländern und international, und das seit Jahrzehnten
  • die nicht nur verbale Unterstützung der Menschenrechte seit Pacem in Terris, der Einsatz für die Inkulturation der Menschenrechte, gerade in traditionellen Kulturen und Wertsystemen, und ihre Fundierung im Wissen um die Würde des Menschen als Ebenbild Gottes, im Wissen um seine Freiheit und soziale Einbindung
  • Und immer wieder der Aufruf zum und Einsatz für den Frieden, flankiert von einer intensiven geduldigen und hoch kompetenten vatikanischen Diplomatie.

Das internationale Netzwerk von Justitia et Pax ist in all diesen Feldern ein Leuchtzeichen des kirchlichen Bemühens für Gerechtigkeit und Frieden. Damit dies so bleiben kann, braucht es weiter Unterstützung durch die Akteure, die Justitia et Pax tragen, in Deutschland sind dies vor allem Bischofskonferenz und Zentralkomitee mit Werken und Verbänden.

Der Runde Tisch Justitia et Pax lebt vom Willen zur Kooperation und von der Bereitschaft, Ressourcen dafür bereit zu stellen. Dies ist nicht selbstverständlich, sondern muss immer wieder erarbeitet werden – besonders in den starken und gut sichtbaren Institutionen – und gerade dort verteidigt werden gegen den Holzweg des institutionellen Profils und Eigensinns. Nach dem Motto „Nicht Käse und Quark, Solidarität macht stark“. Zum Käse und Quark zählt für mich an erster Stelle die Irrlehre des Vorrangs für das je eigene institutionelle Profil, für die visibility des eigenen Logos. Dies ist ein Holzweg, denn angesichts der Ausdifferenzierung und Vielfalt der Akteure in allen Feldern, in denen wir uns zu engagieren haben, sind wir nur gemeinsam stark. Ich bin gegen Zentralismus: Der Weg, den die evangelischen Werke gegangen sind, die Zusammenlegung von eed und Brot und Diakonie, ergibt zwar einen Vollsortimenter im Angebot, ist aber meines Erachtens keine gute und motivierende Lösung. Mit ausdifferenzierten und vielfältigen Trägerstrukturen aber braucht es die notwendige Bündelung der Potentiale und Kompetenzen. Und die lebt vom Willen zur Kooperation, von dem Blick zuerst auf die Aufgabe, die zu lösen ist, auf das Ziel, das uns gemeinsam bewegt.

Nachhaltige Veränderungen beginnen im Herzen von Menschen, gelingen nicht, ohne persönliche Umkehr. Justitia et Pax spricht in seinen Papieren im politischen Dialog zuerst den Kopf an und wird gemeinhin als Think tank beschrieben. In den Exposure- und Dialogprogrammen wird ein Raum für Begegnung eröffnet, für Erfahrungen, die zu Herzen gehen, auf die man auch Jahre später noch zurückgreifen kann, die ermutigen und neue Perspektiven eröffnen, flankiert von der Reflexion, dem Dialog und anschließendem Wissenstransfer. Ein intelligentes Instrument, denn Entscheidungsträger, Frauen und Männer, müssen gewonnen werden für die Veränderungen, die auf dem Weg zur menschenrechtsbasierten nachhaltigen Entwicklung noch vor uns liegen.

Und nicht vergessen: Die Frauen sind der Schlüssel zur Entwicklung! Nach wie vor hat die katholische Kirche in dieser Hinsicht in ihren eigenen Reihen noch viele Widerstände zu überwinden und Fehlentwicklungen aufzuarbeiten, Zugänge zu eröffnen und dem Heiligen Geist mehr zuzutrauen! Aber auch außerhalb von Kirchen und Religionsgemeinschaften liegen weltweit noch Berge auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit. Berge wie etwa die Überwindung der Gewalt gegen Frauen, die eng verflochten ist mit der gesellschaftlichen Gewaltkultur, nicht nur im Krieg … und die fehlende Beteiligung von Frauen in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungs- und Machtpositionen ebenso wie in kirchlichen.

Von Gertrud Casel

Gertrud Casel war seit 2002 Geschäftsführerin der Deutschen Kommission Justitia et Pax sowie der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung zu entwicklungs- und friedenspolitischen Fragestellungen. Zuvor war sie Referentin im Bundesfamilienministerium, wo sie sich mit jugend- und gleichstellungspolitischen Grundsatzfragen beschäftigte. Im Mai 2018 trat sie ihren Ruhestand an.

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