Partizipation macht lebendig

© Bistum Speyer

Vorletzter Tag unseres Aufenthaltes in Nicaragua. Wir beginnen wie jeden Morgen mit einem geistlichen Impuls. Wir singen die erste Strophe des Liedes: „Suchen und fragen, hoffen und sehn, miteinander glauben und sich verstehn, lachen, sich öffnen, tanzen, befrein. So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.“ Wie wir feststellen, wird uns dieser Text den ganzen Tag über begleiten.

Wir sind bei einer Basisgemeinde in Managua eingeladen. Sie schildern uns ihre Strukturen und Aufgabengebiete. Wir merken schnell, dasvers sich diese von den Aufgaben in den ländlichen Gemeinden sehr unterscheiden. Im Austausch miteinander wird aber auch deutlich, dass wir alle ähnliche Probleme in der Gemeindepastoral haben. Es ist ein Suchen spürbar, eine Veränderung, Aufbruchsstimmung, Neuorientierung weltweit.

Wie immer brieft uns unser Reiseleiter Dr. José Argüello auf der Busfahrt für den nächsten Programmpunkt. © Bistum Speyer

Wie immer brieft uns unser Reiseleiter Dr. José Argüello auf der Busfahrt für den nächsten Programmpunkt. © Bistum Speyer

Eine 82-jährige Ordensfrau, Schwester Margarita, die in einer Basisgemeinde arbeitet, sagt dazu: „Wir können alle voneinander lernen. Altes braucht man nicht verwerfen und das Neue nicht zurückweisen – das Beste davon sollen wir zusammenführen.“

Die Gemeinde denkt sehr kritisch. Nur mäßig von der Kirche akzeptiert arbeiten sie in Randgebieten. Dort wo auch die Kirche nicht hingeht. Sie sind in vielen sozialen Projekten tätig, u. a. bei Straßenkindern, Missbrauchsopfern, alleinerziehenden Müttern, AIDS- Kranken und in der Gesundheitsvorsorge. Ihr Projekt ist ganzheitlich orientiert und umfasst das ganze Leben der Menschen. Was die Kirche angeht nähern sie sich seit ein paar Monaten wieder einander an. Auch hier ist es ein Suchen nach einer einheitlichen Struktur.

Bibel und Leben teilen

In den Basisgemeinden wird jede Entscheidung gemeinsam getroffen. Sie treffen sich wöchentlich. Die Mitglieder fragen nach dem Wohlbefinden des Einzelnen und was dies in der Gruppe bedeutet. Danach wird ein gemeinsam vorbereitetes Gebet gesprochen, es wird ein Bibeltext gelesen und sich über diesen ausgetauscht – die Bibel wird geteilt. Anschließend  wird ein Thema, welches in einem Jahresplan vorgegeben oder aktuell wichtig  ist, diskutiert. Es kann beispielsweise ein spirituelles Thema sein, das auch zur Weiterbildung genutzt wird. Darüber hinaus werden verschiedene Aufgaben verteilt, die erledigt werden müssen. Vorherige Aufgaben werden evaluiert und abgeschlossen.

Wortgottesdienste, bei denen sich jeder einbringt, werden sonntäglich gefeiert. Die Gottesdienste werden horizontal geplant und durchgeführt, nicht nach vertikaler Struktur. Treffen und Wortgottesdienste werden nach dem Rotationsprinzip in vorhandenen Räumen oder auch bei den Familien zu Hause abgehalten.  Eine Basisgemeinde hat ca. 12 bis 20 Mitglieder.

Auf die Frage „Was macht denn die Kirche lebendig?“ gibt es eine klare Antwort: die Partizipation. Es wird nicht von oben entschieden, sondern gemeinsam ein Ergebnis mit den Laien gesucht. Dabei müssen die Laien die Möglichkeit haben, bei  Planungen und Entscheidungen aktiv mitzuwirken. Die Aufgaben der Pfarrer liegen in der Begleitung und Fortbildung der Laien, damit die Gemeinde lebt und initiativ wird.

Auf Kundschafterbesuch bei einer Kleinen Christlichen Gemeinschaft in Managua.

Auf Kundschafterbesuch bei einer Kleinen Christlichen Gemeinschaft in Managua. © Bistum Speyer

Sehen, urteilen, handeln, feiern

Die Basisgemeinde arbeitet nach der Methode: sehen-urteilen-handeln-feiern. Die Spiritualität ist entscheidend und tief im Leben der Mitglieder verankert. Das Evangelium ist in ihrem Leben inkarniert, also Wirklichkeit geworden. Neumitgliedern Mut zu machen, sie zu motivieren und um deren Bedürfnisse zu wissen, ist ein entscheidender Prozess. Sie fühlen sich sozial verpflichtet, sind fürsorglich füreinander und sehen durchaus noch „über den Tellerrand“. So haben sie sich bei der Naturkatastrophe in Haiti auch eingebracht (trotz der wenig vorhandenen eigenen Mittel).

Die Gruppe ist sehr solidarisch, selbstbewusst und kritisch. Sie gehen nicht nur konstruktiv mit Konflikten um, sondern gehen auch völlig natürlich auf die Menschen zu. Versuchen zu erfahren oder zu erfühlen, wo deren Bedürfnisse sind. Es gibt kaum Berührungsängste. Und sie verstehen es, Fremde (wie wir) zu animieren und zu begeistern.

Dritte Strophe: Planen und bauen, Neuland begehn, füreinander glauben und sich verstehn, leben für viele, Brot sein und Wein. So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.

Ihre Kundschafterin aus Nicaragua
Barbara Guajardo Toro

Hintergrund

Acht Frauen und Männer aus dem Bistum Speyer sind vom 28. November bis 11. Dezember auf Kundschafterreise in Nicaragua, um die seelsorgliche Arbeit der Kirche kennenzulernen und Anregungen für die Kirchenentwicklung im Bistum Speyer zu erhalten. Dieser Reiseblog erscheint zeitgleich auch auf der Website des Bistums Speyer.

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