Kapieren nicht kopieren

In Managua treffen die Kundschafter den berühmten Befreiungstheologen und Dichter Ernesto Cardenal. © Bistum Speyer

Unser letzter Tag in Nicaragua ist der Reflexion gewidmet und dem Abschied von unseren Freunden von Teyokoyani. Und es wartet noch eine besondere Begegnung auf uns. Doch alles der Reihe nach.

Wir beginnen den letzten Tag wie immer mit dem morgendlichen Impuls – heute in Gemeinschaft mit dem Bistum aus den Frühschichten des BDKJ. Anschließend gibt es ein „doppeltes Frühstück“: den traditionellen Reis mit Bohnen, Rührei mit Toast, Obst und Kaffee … und zusätzlich Pfannkuchen mit Sirup.

Danach beginnt das Bibelteilen („Mit wem soll ich diese Generation vergleichen?” Mt 11, 16-19 – das Evangelium des Tages) als Rahmen für unser Nach- und Weiterdenken. Zwei Doppelfragen leiten uns an, das Erlebte zu reflektieren: Was war gut? Was hätte besser sein können? Und: Was waren die mich am stärksten bewegenden Inspirationen? Was sind meine Transferideen?

Nach einer Zeit der Einzelbesinnung tragen wir alles zusammen. Zur ersten Frage kommt – von einigen kleinen Verbesserungsvorschlägen abgesehen – unisono die Antwort: organisatorisch wie inhaltlich exzellent. Es hätte für uns nicht besser sein können. Unserem Begleiter José sind wir zu allergrößtem Dank verpflichtet, auch Christoph Fuhrbach und Franz Vogelgesang gilt der Dank und der ganzen Gruppe für Flexibilität und Einsatzbereitschaft bis spät in die Nacht. Auch die Arbeit der Übersetzung durch die spanisch sprechenden Teilnehmer unserer Gruppe hat vieles leicht gemacht und verdient großes Lob.

Beeindruckendes Treffen mit Ernesto Cardenal

Eine Unterbrechung der Gedanken muss jetzt geschehen, denn durch José wird uns die Möglichkeit offeriert, Ernesto Cardenal zu treffen. Wir fahren zu seinem Alterswohnsitz, einem schlichten Haus irgendwo in Managua mit Verkauf seiner Bücher und Kunstwerke. Er kommt in Begleitung seiner Assistentin, hat für uns eine halbe Stunde Zeit. Er ist in sich gekehrt, aber seine Augen sind hellwach. Wir danken für die Ehre, die er uns zuteilwerden lässt. Er bedankt sich ebenso.

Wir stellen ein paar Fragen zu seinem Leben in Solentiname. Er erzählt mit wenigen Strichen. Sein wichtigstes Buch ist dort entstanden: das Evangelium der Bauern von Solentiname. Mir bleibt der Satz: Gott ist jedem von uns der Nächste! Mystik und Politik – das sind die Themen, die uns aufgegeben sind, in Nicaragua und Deutschland, vor 25 Jahren und heute. Bereitwillig signiert er seine Bücher, die wir in deutscher Übersetzung dabei oder noch schnell im Original gekauft haben. Noch schnell ein Gruppenbild und wir verabschieden uns wieder. Beeindruckt von diesem jung gebliebenen 93-jährigen Mann, dessen Geschichte wir zu verstehen suchen.

Reflektion der Kundschafterreise im Plenum der Gruppe und individuell. © Bistum Speyer

Reflektion der Kundschafterreise im Plenum der Gruppe und individuell. © Bistum Speyer

Was hat uns bewegt? Eine Schatzkiste wird gefüllt.

Zurück im Hotel tauschen wir nach einer kleinen Stärkung weiter unsere Gedanken aus: Was hat uns bewegt? Was könnte konkret weitergehen und wie? Der Fluss des Gespräches gerät ins Rauschen, wird zu einer Fülle von Ideen. Wirklich: Eine Schatzkiste wird gefüllt. Themenlinien tun sich auf. Sie heißen Bildung-Evangelisierung-Mission, Spiritualität-Gebet-Bibel teilen/Leben teilen, Mündigkeit-Prophetische Kirche, den Glauben tun-Politisch handeln-Anwaltschaft-Kirche der Nachbarschaft, kleine christliche Gemeinde-Gemeinschaft. Und sie werden für die Vertreter und Vertreterinnen der Pfarreien konkret:

  • Wir bringen das Thema spirituelle Kultur in Sitzungen ein.
  • Wir machen den Vorschlag von Wort-Gottes-Feiern mit Bibelteilen.
  • Wir wollen die Lektoren und Kommunionhelfer/innen mehr schulen und weiterbilden und zu jährlichen Einkehrtagen einladen.
  • Wir werden das freie Gebet üben und einführen.
  • Wir werden die Themen Caritas und Seelsorge und partizipative Kirche weiter wach halten.
  • Als Gruppe der Nicaraguakundschafter/innen vereinbaren wir, in größeren Abständen zusammen zu kommen, um zu schauen, was daraus geworden ist.

Schließlich endet der Tag mit einer lebendigen Eucharistiefeier und einem Abendessen, das alles zusammenfasst und den Dank noch einmal aussprechen lässt.

Die erste Kundschafterreise geht zu Ende. Wir haben vieles gesehen und sind eingetaucht in die Kultur und die Kirche des Landes. Wir wollten kapieren und können nicht kopieren. Wir warten auf die anderen drei Reisen und sind gespannt, welches Bild sich ergibt, wenn alle Kundschafterinnen und Kundschafter zurückgekehrt sind und von ihren Erlebnissen berichten.

Ihr Kundschafter aus Nicaragua
Franz Vogelgesang

Hintergrund

Acht Frauen und Männer aus dem Bistum Speyer sind vom 28. November bis 11. Dezember auf Kundschafterreise in Nicaragua, um die seelsorgliche Arbeit der Kirche kennenzulernen und Anregungen für die Kirchenentwicklung im Bistum Speyer zu erhalten. Dieser Reiseblog erscheint zeitgleich auch auf der Website des Bistums Speyer.

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