Auf zu neuen Ufern

Auf dem Weg zur Überfahrt auf die Nachbarinsel Panay. © Bistum Speyer

Noch voller Eindrücke von dem liebevoll gestalteten Abschiedsfest in Maryshore stehen wir früh am Morgen auf, um zeitig die Fähre zu erreichen. Binnen zwei Stunden gelangen wir über den „Smaragd-Schnellweg“, wie die Wasserstraße wegen ihrer grünen Farbe im Volksmund heißt, auf die Nachbarinsel Panay.

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann auf der Fähre. © Bistum Speyer

Am Hafen von Dumangas holen uns drei Mitarbeiter der Seelsorgeabteilung der Erzdiözese Jaro (JAPS)  ab: Father Robert, der schon 30 Jahre mit Kleinen Christlichen Gemeinschaften arbeitet, Weng, eine studierte Psychologin und ursprünglich in der Pfarrei beschäftigte Seelsorgerin, sowie Liezell, die sich seit einem Jahr um das Bürokratische und Technische des JAPS kümmert. Gemeinsam fahren wir mehrere Stunden mit zwei Kleinbussen in den Norden der Insel, um die dritte Phase unseres Aufenthalts zu beginnen: Nach innerer Einkehr und theoretischer Weiterbildung werden wir uns die nächsten Tage gelebte Praxis vor Ort anschauen.

Am Straßenrand zeigt sich erschütternde Armut

Die Armut an den Straßenrändern ist nicht zu übersehen. © Bistum Speyer

Unterwegs auf der Küstenstraße macht uns die Armut sehr betroffen, die wir im Vorbeifahren wahrnehmen: Unzählige kleine Hütten sowie aus Bambus, Holzplatten, Plastikfolie oder Wellblech zusammengezimmerte „Verschläge“ reihen sich dicht an dicht, immer wieder unterbrochen von einzelnen Häusern aus Stein und Beton, größeren Ladengeschäften, Schulen oder – im Vergleich zu den meisten anderen Gebäuden – sehr prunkvoll wirkenden Kirchen.

Nach fünf Jahren Planungs- und Bauzeit ist die Kirche erst vor Kurzem fertiggestellt worden. © Bistum Speyer

Die Sakristei ist noch im Bau. © Bistum Speyer

An einer solchen Kirche machen wir Zwischenstation: Der Pfarrer von St. Nicholas de Tolentino und sein Team haben für uns gekocht und bewirten uns im Pavillon des Pfarrgartens. Gerade das Essen, so erfahren wir, sei eine – wenn nicht sogar die – zentrale Ausdrucksform philippinischer Gastfreundschaft. Das werden wir in den kommenden Tagen wohl noch öfter erleben, wenn wir einige Kleine Christliche Gemeinschaften besuchen und mit ihren Mitgliedern Gottesdienste feiern, Bibel teilen und ins Gespräch kommen werden.

In St. Nicholas de Tolentino gibt es frische, süße Melonen zum Nachtisch. © Bistum Speyer

Kleine Christliche Gemeinschaften seit den 70er Jahren

Darauf bereitet uns eine einführende Einheit in Estancia vor, wo wir nach einer weiteren Stunde Autofahrt ankommen. Wir erfahren, dass es hier schon seit Anfang der 1970er Jahre Kleine Christliche Gemeinschaften gibt und dass sich die hiesige Erzdiözese Jaro im Hinblick auf das Jahr 2000 schwerpunktmäßig mit der Integration dieses pastoralen Ansatzes beschäftigt. Eine groß angelegte Synode bindet dann jedoch über sieben Jahre hinweg viele Kräfte, so dass zwar formal beschlossen ist, Kleine Christliche Gemeinschaften zu fördern und zu entwickeln, aber die Erzdiözese sich mit der praktischen Umsetzung faktisch sehr schwer tut.

Erst durch einen 2010 angestoßenen Visionsprozess nehmen die Kleinen Christlichen Gemeinschaften wieder Fahrt auf. Denn nun sind sie Teil einer gemeinsam geteilten Vision der gesamten Erzdiözese. 24 der 93 Pfarreien stehen freiwillig als Pilotpfarreien zur Verfügung, als 2013  das konkrete Trainingsprogramm zur Bildung Kleiner Christlicher Gemeinschaften beginnt.

Zäsur durch den Taifun „Yolanda“

Die Zerstörung nach „Yolanda“ ist noch immer sichtbar. © Bistum Speyer

Doch dann kommt das scheinbar abrupte Ende allen Bemühens und Träumens: Taifun „Yolanda“ (bei uns meist als „Haiyan“ in den Nachrichten) verwüstet am 8. November 2013 einen Großteil der Insel und damit die Lebensgrundlage unzähliger Menschen in der Erzdiözese Jaro. JAPS muss sich nun zu allererst um dringende Soforthilfe und um Wiederaufbau kümmern, anstatt sich der Organisation von Gemeinschaften widmen zu können.

Faktisch soll aber genau dieser gemeinsame Wiederaufbau eine ganz konkrete Art und Weise werden, um Kleine Christliche Gemeinschaften zu bilden. Spirituelle Grundlage sind dabei die Antworten der betroffenen Menschen auf die Frage: Was haben wir durch den Taifun NICHT verloren? – „Der Taifun zerstörte unsere Kapellen, aber nicht unseren Glauben an Gott! Er zerstörte unsere Häuser, aber nicht unsere Familien! Er zerstörte unsere Einkommensgrundlage, aber nicht unseren Willen zu überleben! Er zerstörte fast alles Materielle, aber wir haben immer noch unsere Gemeinschaft und Gemeinde!“

Wir sind sehr gespannt darauf, diesen Menschen morgen persönlich zu begegnen, ihre Geschichte zu hören und uns von ihrem tiefen und hoffnungsvollen Glauben anstecken zu lassen.

Von Andreas Braun, Kundschafter des Bistums Speyer

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