Bolivien: Hilfe für Kinder ohne Eltern

Barbara Ladenburger, Don-Bosco-Freiwillige in Bolivien. © B. Ladenburger

Seit fast einem Jahr arbeite ich nun als Freiwillige in Bolivien im Hogar Don Bosco, ein Heim, geleitet von den Salesianern Don Boscos. Die Jungen zwischen 6 und 16 Jahren kommen zu uns, wenn sich niemand mehr um sie sorgt. Manche haben einige Zeit auf der Straße gelebt, andere kommen aus kaputten und misshandelnden Familien, wieder andere laufen von zu Hause weg. Alle Kinder, die zu uns kommen, haben entweder jegliche Fürsorge in ihrem Leben verloren, oder sie haben sie nie erfahren. Viele der Jungen sind es gewöhnt, für sich alleine zu kämpfen und Hilfe von außen misstrauisch zu sehen.

Wenn diese Kinder ins Hogar Don Bosco kommen, muss oft erst einmal eine Schutzwand aufgebrochen werden, die diese Kinder um sich herum aufgebaut haben. Sie müssen erst einmal zulassen, dass man für sie sorgt, sich um sie kümmert und ihnen Zuneigung geben kann. Für all das brauchen die Salesianer und Erzieher des Projektes hier viel Zeit und Kraft. Jemandem Fürsorge und Zuneigung zu schenken, der dies gar nicht gewohnt ist, ist nicht so einfach! Mit der Zeit öffnen sich die Jungen langsam, werden mehr und mehr empfänglich für alles, was man ihnen mitgeben möchte im Sinne Don Boscos.

Die drei Grundprinzipien Don Boscos: Vernunft, Religion und Liebe

Don Bosco basierte seine Erziehung auf drei Grundprinzipien: Vernunft, Religion und Liebe. Nach Don Bosco sind diese drei die grundlegenden Werte, um für Kinder und Jugendliche zu sorgen. Vernunft wird im Hogar Don Bosco durch eine gute Schulausbildung vermittelt. Jedes Kind, das zu uns kommt, geht in die Schule, macht Hausaufgaben und lernt für seine Examen. Das mag selbstverständlich klingen, aber für manche dieser Kinder ist es eine Herausforderung.

Vor einigen Monaten kam ein Junge zu uns: er ist 12 Jahre alt und kann weder lesen noch schreiben. Er hat eine längere Zeit auf der Straße gelebt und somit nie eine Schule besucht. In diesem Alter ist es schwer, sich in die erste Grundschulklasse zu setzen und das Alphabet zu lernen. Daher bekommen dieser Junge und einige weitere Kinder, die in einer ähnlichen Situation sind, durch eine Lehrerin Extraunterricht, damit ihnen ein Einstieg in Bildung ermöglicht werden kann.

Blog-Autorin Barbara mit einem der kleinen Jungen in der Kirche. © B. Ladenburger

Religion ist in Bolivien wie in jedem salesianischem Heim ein grundlegender Wert. Für diese Kinder, die so wenig Halt und Zuversicht in ihrem Leben gespürt haben, ist die Religion eine Quelle der Kraft. Ein starkes Zeichen dieser christlichen Fürsorge ist für mich das abendliche Ritual des Gute-Nacht-Sagens. Ich segne jedes Kind mit einem kleinen Kreuz auf die Stirn und wünsche eine behütete Nacht. Viele der Kinder geben mittlerweile dieses Zeichen zurück und segnen auch mich.

Im Mai, dem Marienmonat, wurden hier zahlreiche Festlichkeiten zu Ehren der Muttergottes gefeiert. So haben wir zum Beispiel mit allen Kindern eine Wallfahrt nach Buen Retiro, einem kleinen Wallfahrtsort in der Nähe von Santa Cruz, gemacht. Diese gemeinsamen Momente des gesamten Projektes sind wichtig für die religiöse Erziehung der Kinder: Sie können die kraftspendende Wirkung des Glaubens erleben und spüren eine liebende Zuwendung, die nur ihnen als Individuum gilt. Nach der Messe in Buen Retiro bin ich zum Beispiel mit einem der kleinsten Kinder zur Kapelle gegangen und habe mit ihm gemeinsam ein Gebet für ihn und die anderen Kinder gesprochen. Den Kindern das Gebet nahezubringen ist eine schöne Art der Fürsorge.

 Muttertag ohne Mütter

Liebe fehlt den Kindern hier oft am meisten. Liebe, die normalerweise jedes Kind in einer Familie erfährt, haben sie wenig erfahren. Sie wachsen fernab von einem Zuhause auf und so müssen die Salesianer hier vor Ort einen Familienersatz für diese Kinder bieten. Hier können sie behütet und geschätzt aufwachsen in einer neuen Familie. Ich als Freiwillige bin oft für die Kinder eine Person, die Zeit hat, ihnen Zuneigung zu geben. Manche der Kinder sagen zu mir Mama und ich rufe sie mit „hijo“ (Sohn). Natürlich kann niemand wirklich ihre Mutter ersetzen, doch es ist vor allem für die Kleinsten wichtig, dass sie eine mütterliche Bezugsperson haben.

Am 27. Mai wird hier in Bolivien Muttertag gefeiert und in der Schule haben alle Kindern gebastelt und Karten für ihre Mamas geschrieben. Als wir die Kindern dann von der Schule abgeholt haben, fand ich es sehr traurig, da sie diese nicht ihren Mütter überreichen konnten. Doch als die Kinder dann strahlend auf uns zukamen und mir und der Erzieherin die Karten mit „Mama, ich hab dich lieb“ überreichten, wusste ich, dass wir doch ein bisschen einen Mutterersatz bieten können.

Die Fürsorge trägt Früchte

Wir versuchen immer mit Verständnis und Zuneigung für die Kinder da zu sein, auch wenn dies aufgrund der großen Anzahl der Kinder nicht immer leicht ist. Besonders schön finde ich es, wenn man merkt, wie die Erziehung der Salesianer hier fruchtet und die Kinder beginnen, sich auch liebevoll um andere zu sorgen.

So ist es vor einiger Zeit geschehen, dass nach einem langen Tag, der mit viel Ermahnen gefüllt war, ein Junge zu mir kam und sagte: „Sei nicht traurig! Morgen benehmen wir uns besser! Danke, dass du da bist!“ Ich habe gefühlt, dass unsere Fürsorge doch Früchte tragen kann.

Leider ist für mich nun bald meine Zeit mit meinen Kindern hier zu Ende. Ans Herz gewachsen sind sie mir sehr. In meinem Jahr hier habe ich sicherlich nicht die Welt dieser Kinder retten können, aber vielleicht konnte ich mit meiner Fürsorge Kinder wieder zum Lachen, zum Hoffen und zum Träumen ermutigen.

Von Barbara Ladenburger, Don-Bosco-Volontärin

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