Die Bestia

Autorin Claudia Zeisel auf der Zugstrecke "La Bestia", die durch den Ort Salto de Agua im mexikanischen Bundesstaat Chiapas führt. © Claudia Zeisel

Die Zugstrecke „La Bestia“, das Monster, verdient ihren Namen: Sie ist für viele Flüchtlinge aus Mittelamerika, die über Mexiko in die USA gelangen wollen, zwar ein Hoffnungsträger, reißt  aber immer wieder Menschen in den Tod, etwa wenn einer der Güterzüge entgleist, oder Migranten überfahren werden. Manchen werden auch Gliedmaßen abgefahren wie die Beine. Ob so mancher Mann auf der Straße in Mexiko-Stadt mit Krücken und amputierten Beinen dieses Schicksal erlitten hat?

Carlos hat seine Füße zwar noch, aber laufen kann er trotzdem nicht mehr. Er ist auf seiner Flucht von Honduras nach Mexiko drei Tage lang barfuß gelaufen, weil die Schuhe kaputt gingen. Jetzt ist der 33-Jährige in einer Migrantenherberge in Salto de Agua im mexikanischen Bundesstaat Chiapas untergebracht und läuft nur noch auf den Fußaußenkanten: Sie sind mit Blasen und Wunden übersät. Carlos ist der erste aus seiner Familie, der in der Hoffnung auf ein besseres Leben die gefährliche Reise in Richtung USA wagt – es ist der dritte Anlauf.

Die meisten Migranten sind nicht aus Mexiko selbst, sondern kommen aus Mittelamerika, aus Honduras, Guatemala und El Salvador. Sie gehen teils zu Fuß, teils klemmen sie sich einen Teil der Strecke an die Güterzüge der Bestia, die von Mérida über Palenque, Salto de Agua, Richtung Norden, Oaxaca, Veracruz führt. Die Güterzüge kommen unregelmäßig, mal oft hintereinander, dann wieder tagelang gar nicht. Meist erkennen die Migranten den Zug am lauten Pfeifen oder werden von anderen vorgewarnt.

Die Migrantenherberge in Salto de Agua entstand eigentlich nur, weil dort einer der Güterzüge entgleiste und hunderte Migranten vor der Polizei in die Kapelle flohen. Mittlerweile kommen hier zehntausende Flüchtlinge pro Jahr vorbei: 2016 waren es 11.330 Migranten. Seither leistet der Steyler Missionar Rodolfo Rodriguez gemeinsam mit fünf weiteren Priestern aus verschiedenen Ländern, Franziskanerschwestern und engagierten, vom Glauben inspirierten Freiwilligen Hilfe für die Geflüchteten. Die Flüchtlinge haben hier eine 24-Stunden-Herberge, bekommen Essen und feiern gemeinsam Gottesdienst.

Der Steyler Missionar Padre Rodriguez mit zwei Schwestern, die für die Migranten in der Herberge kochen. © Claudia Zeisel

Wenn die Flüchtlinge erzählen, fließen schnell die Tränen, auch bei den jungen Männern, die Familienmitglieder durch kriminelle Banden verloren haben und selbst viel Angst erleiden mussten. „Die Flüchtlinge reisen mit zwei Rucksäcken,“ erklärt Padre Rodriguez. „Einem materiellen mit Essen und Geld, und einem immateriellen mit der emotionalen Last, die sie mitbringen.“ Hier in der Herberge und der Kapelle wolle man ihnen ihre Würde zurückgeben. Und einen neuen Rucksack, einen spirituellen, der sie auch auf ihrer Weiterreise begleite.

Viele Migranten, die aus Honduras, El Salvador oder Guatemala über Mexiko in die USA wollen, glauben, sie seien beim Übertritt über die Grenze so gut wie in den USA, es fehle nur noch ein kleines Stück. Was sie aber erwartet, ist ein Spießroutenlauf mit vier inländischen „Grenzen“ bzw. Checkpoints mit Militärpräsenz, wo sie aufgegriffen werden können. In der Kapelle in Salto de Agua sind die Flüchtlinge von der Polizei unbehelligt, da es verboten ist, Migranten in einer Kirche festzunehmen. So lauert die Polizei im Auto im hohen Gras am Ortseingang versteckt auf Flüchtlinge. Diese müssen zusätzlich bangen, dass sie nicht von Banden aus der eigenen Heimat, die sich hier in Mexiko gebildet haben, überfallen, geschlagen und ausgeraubt werden. Erst am Vortag ist ein Flüchtling blutüberströmt in der Herberge angekommen, weil er von seinen Landsleuten verprügelt wurde.

Dabei fliehen viele vor Gewalt und Korruption im eigenen Land. Familie Hernandez Ochoha aus Honduras hat mit ihrem fünfjährigen Sohn Carlos in einem Migrantenheim in Palenque Zuflucht gefunden. Familienvater Hector erzählt, dass er mit seinem Kleidergeschäft in seiner Heimatstadt Puerto Cortés gleich an zwei kriminelle Banden Schutzgeld zahlen musste – umgerechnet 700 mexikanische Pesos pro Monat, rund 30 Euro. Auf der Flucht Richtung Mexiko fuhren sie mit dem Bus. Die Schlepper erpressten sie auch hier um Geld und drohten, die Frau und den Sohn nicht mehr aus dem Bus zu lassen, wenn sie nicht 20.000 Pesos, rund 1.000 Euro zahlten. Das war alles, was sie für die Flucht angespart hatten. Jetzt ist die Familie in einem Migrantenheim in Palenque, wo gleich drei Flüchtlingsrouten zusammenlaufen. Hector wird mit seiner Familie wohl hier in Mexiko bleiben und ein Kleidergeschäft aufmachen oder als Klempner arbeiten. Die USA sind in weite Ferne gerückt. Nur Carlos mit den kaputten Füßen will weiter. Aber die werden wohl noch eine Weile brauchen, bis sie wieder verheilt sind.

Von Claudia Zeisel

Diese Eindrücke entstehen im Rahmen der Presse-Reise von Adveniat vom 28.10. – 5.11.2017 nach Mexiko. Sie ist eine Vorbereitung auf die Adveniat-Weihnachtsaktion 2017 mit dem Thema Faire Arbeit. Mehr dazu bald bei weltkirche.katholisch.de.

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