Indien zwischen Not und Hoffnung

Slumbewohner beim Waschen. © Gottfried Bohl/KNA

Indien – ein Land der extremen Gegensätze: Auf der einen Seite spektakuläre Sehenswürdigkeiten wie der Taj Mahal und modernste Technologie-Firmen in schicken Glas-Beton-Palästen. Auf der anderen Seite unvorstellbare Massen von Menschen, die in schwer zu ertragendem Elend leben und kaum Perspektiven haben, dass das in naher Zukunft auch nur ein bisschen besser werden könnte.

Zwischendrin aber auch immer wieder Hoffnungsschimmer – vor allem durch Menschen, die sich mit Leid und Not nicht abfinden und für ein menschenwürdigeres Leben kämpfen. So kann man die sechstägige Reise mit Misereor in verschiedene Regionen Indiens auf den Punkt bringen.

Slum in Patna, Indien. © Gottfried Bohl/KNA

Das Partnerland der Fastenaktion mit 1,3 Milliarden Einwohnern – Tendenz stark steigend – steht vor extremen Herausforderungen: Beispielsweise müssten Monat für Monat eine Million neue Arbeitsplätze entstehen, um die jungen Menschen von der Straße zu holen und nicht frustriert zur „leichten Beute“ radikaler Hindu-Nationalisten zu machen. Doch was heißt Arbeitsplätze? Über 90 Prozent arbeiten in der informellen Wirtschaft: ohne festen Lohn, ohne Kranken- und Sozialversicherung, von Rente ganz zu schweigen. Stattdessen ein Bretterverschlag am Straßenrand, ein Wellblechdach drüber und unten ein Friseurstuhl, ein paar alte Autoteile, drei Säcke Reis, etwas Gemüse oder eine Nähmaschine – fertig ist der eigene Laden. Doch davon leben? Und eine Familie ernähren?

Ein Slum in Patna direkt an den Bahngleisen. © Gottfried Bohl/KNA

Slums direkt an den Bahngleisen sind ein schwer zu ertragender Anblick – verbunden mit der Info, dass jeden Monat drei bis vier Menschen vom Zug überfahren werden. Auch Dörfer ohne Strom, fließendes Wasser und Toiletten lassen eher ratlos zurück. Doch die Menschen träumen nicht davon, woanders zu leben und ihr Elend hinter sich zu lassen. Nein – sie wollen nicht viel mehr als die Sicherheit, nicht vertrieben zu werden, nicht morgens vom Bulldozer geweckt zu werden, der alles platt macht, um neue Wohnviertel zu bauen.

Älterer Mann mit Kind im Slum in Patna, Indien. © Gottfried Bohl/KNA

Außerdem kämpfen sie dafür, dass ihre Kinder zur Schule gehen können, statt am Webstuhl Teppiche knüpfen oder in der Ziegelei schuften zu müssen. Beeindruckend ist, wie sie selbstbewusst für ihre Würde und ihre Rechte eintreten, wie sie selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen. Genau das ist das Ziel der Misereor-Projekte: „Empowerment“ – also die Armen stark machen, um nicht länger Empfänger von Almosen zu sein.

Kinder im Slum lernen auf dem Boden. © Gottfried Bohl/KNA

Faszinierend auch, wie die knapp zwei Prozent Christen hier allen Menschen in Not helfen – also überwiegend Hindus und Muslimen. Und das, obwohl sie als Christen einen extrem schweren Stand haben und zum Teil massiv angefeindet werden von radikalen Hindu-Nationalisten. Ganz im Sinne von Papst Franziskus, der ja immer wieder aufruft, an die Ränder zu gehen. Und davon gibt es verdammt viele in Indien.

Von Gottfried Bohl, Katholische Nachrichten-Agentur (KNA)

Gottfried Bohl ist Nachrichtenchef bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bonn. Er reiste mit Misereor im Januar nach Indien, um Projekte zu besuchen und sich über die Fastenaktion 2018 zu informieren, die gemeinsam mit der Kirche in Indien gestaltet wird.

Mehr Infos zu Fastenaktion in unserem Dossier.

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