Was alles nicht funktioniert in Nicaragua

Auch Pferdekutschen, Pferdekarren und Fahrräder nehmen am Straßenverkehr teil, werden viel angehupt und sind durchaus nicht die sicherste Variante. © S. Abrantes Diaz

Hola ihr Lieben! Jetzt bin ich doch etwas in Verzug geraten mit meinem nächsten Blog, aber keine Sorge, ich hole alles nach! Ausnahmsweise ist nicht die Arbeit im Projekt Grund dafür, dass ich keine Zeit gefunden habe, um zu berichten, sondern zum Einen das Zwischenseminar und zum Anderen der Besuch meiner Familie – nach acht Monaten von Bruder und Eltern gedrückt zu werden, ist ein schönes Gefühl!

Mit einer allzu großen Begeisterung bin ich nicht zum Seminar gereist, weil das auch gleichzeitig hieß, eine Woche im Heim zu verpassen. Hinzu kam, dass die Anreise zu dem Zwischenseminar nicht die Kürzeste für mich war. Obwohl Nicaragua nicht sehr groß ist – vergleichbar mit der Fläche von Bayern und Baden-Württemberg zusammen – war ich etwa zehn Stunden unterwegs (auf dem Hinweg habe ich die Reise teilen können und habe Obhut bei meiner Mitfreiwilligen Lea gefunden, danke!) und landete auf einer einsamen Insel. Kaum zu glauben, aber das Leben auf einer paradiesischen Insel fiel mir schwer, so weit weg von meinem Nica-Zuhause.

Mit Lea auf dem Weg auf die einsame Insel. © S. Abrantes Diaz

Tatsächlich waren wir die Hauptattraktion auf Solentiname und es war wirklich merkwürdig mit einer ganzen Gruppe Weißer, die Deutsch sprechen, sich so fremd zu fühlen. Es war auch schön, mal wieder deutsch zu reden und sich besonders über kulturelle Erfahrungen austauschen zu können. Machismus ist in Nicaragua ein großes Thema. Dass einer Frau hinterhergepfiffen und bis an die nächste Ecke nachgeschaut wird, ist hier keine Seltenheit. Für mich war das schnell klar und ich bemerke es nun wirklich nicht, aber als man dann ins Gespräch kam, war ich erstaunt, wie schwer es einige mit der Nica-Kultur haben … Alles in allem war es eine sehr reflektierende Woche, in der aber auch Spaß, Lachen und Baden nicht zu kurz kam!

Wieder zurück in Granada, standen auch schon meine Eltern vor der Tür. Während der Osterwoche (Semana Santa) durfte ich mein Nica-Leben zeigen. Tatsächlich waren meine Eltern von vielen Eindrücken eingenommen, die ich schon als normal sehe. „Bin ich schon so anders?“. Das ging mir doch oft durch den Kopf, aber nein, es gibt kein Anders oder Komisch, ich würde sagen ich bin einfach angekommen und aufgenommen. In zwölf Tagen ging es einmal quer durchs Land, es gab deutsches Essen in meiner Gastfamilie und ganz viel Schokolade. Zum Abschied hatten sie noch die Ehre, einen Tag mit mir auf der Arbeit zu verbringen. Sehr herzlich wurde die Mama von Sandra umarmt, Sandras Papa und ihr Bruder zum Fussball aufgefordert.

Was noch fehlt

So sehr ich dieses Land und diese Menschen hier ins Herz geschlossen habe, wurde mir in letzter Zeit bewusst, was hier doch noch alles fehlt. Natürlich kann man den Lebensstandard hier nicht am deutschen messen, aber als dann meine Familie mit einem „deutschen Auge“ auf mein Nica-Leben schaute, wurde mir bewusst, dass abgesehen von der Kultur einiges noch für Probleme sorgt.

Mit den Vorschulkindern unterwegs. © S. Abrantes Diaz

Es fängt an bei dem ganzen Müll, der auf der Straße landet, weil es kein richtiges Müllsystem gibt. Wenn die Entsorgung nicht an Straßenrändern oder im Bach passiert, dann wird er einfach vor der Haustür verbrannt. Schwierig ist dies, weil es sich besonders um Plastikmüll handelt. Plastik als preiswerter Rohstoff ist immer im Einsatz: Saft wird aus Plastiktüten geschlürft; Kekse, Reis, Bohnen, alles wird in Plastiktüten verkauft.

Auch ich darf mal rauf (nur kurz). © S. Abrantes Diaz

Weiter geht es dann bei der großen Schere zwischen Arm und Reich. Während viele an der Armutsgrenze leben, kommen reiche amerikanische Touristen nach Nicaragua und sorgen durch ihren Tourismus zwar einerseits für neue Arbeitsplätze, verdrängen aber gleichzeitig den Bauern und treiben die Preise nach oben. Ein Leben im Zentrum ist also nur für die Wohlhabenden möglich und es entstehen viele Marginalgegenden, die hier bekannten Barrios.

Auch das Gesundheitssystem erreicht den einfachen Nica nicht. Es gibt keine staatliche Versicherung, also jeder Arztbesuch und jedes Medikament wird aus eigener Tasche bezahlt, sprich kaum einer kann es sich leisten. Offiziell gibt es eine Grundversorgung im „Centro de Salud“ (Gesundheitszentrum), aber wie ich oft sehe, wird dort nur zu den privaten Ärzten verwiesen.

Ohne immer fließend Wasser zu leben, ist wirklich Alltag hier und das sehe ich nicht als ein sehr großes Problem an. Vielmehr liegt das Problem darin, dass die Wasserleitung genauso wie auch Strom von der Regierung kontrolliert wird. Kurz, es wird abgestellt. Das kommt bei mir ziemlich oft vor, weil wir in der Nähe einer Fabrik wohnen, morgens gibt es dann kein Wasser für die umstehenden Häuser. Man stellt sich darauf ein, hat immer Wasserbecken für den Notfall, aber kann es wirklich sein, dass die Korruption in einer Demokratie so präsent ist?

Ich bin fest davon überzeugt, dass ich das alles in ein paar Jahren lese und feststellen werde, wie angeglichen Nicaragua an den hohen westlichen Standard sein wird. Ob das gut ist? Sicherlich in einigen Aspekten, aber Nicaragua ist so wie es ist einfach wunderschön und begeistert mich jeden Tag.

Sonnenuntergang in Las Peñitas. © S. Abrantes Diaz

Ich hoffe, ihr habt einen kleinen Eindruck von meinem Leben hier bekommen und wisst, dass ich mich pudelwohl fühle (besonders neben meinem Ventilator!). Ja, es ist gerade äußerst heiß und wir warten sehnsüchtig auf den Regen.

Von Sandra Abrantes Diaz

Dieser Blogeintrag stammt aus dem Sternsingerblog der Freiwilligen und wurde mit freundlicher Genehmigung von „Die Sternsinger“ und Missio verwendet.

Über Sandra: Hola! Ich bin Sandra Abrantes Diaz, 18 Jahre und komme aus Neuss, einem kleinen Städtchen bei Düsseldorf am Rhein. Von hier werde ich meine Reise nach Nicaragua antreten, um dort in der drittgrößten Stadt, Granada, zu leben. Ich werde in dem Mädchenheim „Madre Albertina“, welches Obhut für missbrauchte uns benachteiligte Mädchen bietet, mitarbeiten. Voller Vorfreude werde ich am 2. August meinen Freiwilligendienst in über 9 000 Kilometern Entfernung antreten. Damit ich meine Erfahrungen mit euch teilen kann, freue ich mich, regelmäßig bloggen zu können.

Mehr Infos zum Freiwilligendienst gibt es auf mein-eine-welt-jahr.de.

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