Kohleabbau in Nordostindien: Größter Arbeitgeber ohne Zukunft

Für den Kohleabbau in Nordostindien kommt ein Großteil der Arbeiter von Außerhalb. © Missio Aachen/Bistum Münster

Die Diözese Jowai in Nordostindien, gegründet 2006, befindet sich noch im Aufbau und sieht sich durch den Kohleabbau vor großen Herausforderungen. Die Reisegruppe aus dem Bistum Münster und von Missio Aachen hat sich dort ein Bild von der Lage gemacht.

Besitzer der Minen sind reich und wohnen eher in Shillong, der Hauptstadt des nordostindischen Bundesstaates Meghalaya. Alle Minen sind in Privatbesitz. Die Besitzer sind manchmal auch katholisch und unterstützen die Kirche vor Ort. Nicht alle Minen sind legal, es gibt auch eine Reihe illegaler Anlagen.

Der Kohleabbau bringt ein großes ökologisches Problem mit sich: Abschwemmungen aus der Kohle werden ins Grundwasser geleitet. Durch das verschmutzte Wasser werden vor allem viele Kinder krank. Dennoch wollen auch die Jugendlichen in den privaten Minen arbeiten, weil es schnelles Geld gibt: So gibt es bei Feldarbeit 200 – 300 Rupien (3 – 4 Euro) und in einer Mine zwischen 1.000 – 2.000 Rupien (12 – 25 Euro). In der Region gibt es keine alternativen Arbeitgeber, die Existenz hängt am Kohleabbau. Die jüngsten Arbeiter in den Minen sind 14, 15 Jahre alt. Gearbeitet wird bis ins hohe Alter – oder solange es die Gesundheit zulässt. Ein Kohleschacht ist sehr schmal und bis zu 30 Meter tief. Es gilt: Je tiefer der Schacht, desto besser ist die Kohle. Die besten Arbeiter sind also Kinder oder Jugendliche.

Die Arbeiter sind nicht organisiert. Einen Betriebsrat oder eine andere Interessenvertretung der Arbeitnehmer, wie sie in Deutschland üblich ist, gibt es nicht. Ebenso wenig gibt es Arbeitsschutz.

Viele Arbeiter kommen von außerhalb zum Kohleabbau, zum Beispiel aus Kalkutta, Assam oder illegal aus dem nahegelegenen Nachbarland Bangladesch (70 Prozent). Lediglich 30 Prozent der Arbeiter sind einheimisch; einige arbeiten zusammen, um einen kleinen Truck zu befüllen. Der Minenbesitzer heuert Arbeiter an; deren Kohle entlohnt er und verkauft sie für den doppelten Preis weiter. Das führt dazu, dass Reiche immer reicher werden, und Arme immer ärmer. Auf einen Truck können 15 Tonnen Kohle geladen werden. Der Wert: etwa 100.000 Rupien, das sind rund 90 Euro.

Durch das verseuchte Trinkwasser breiten sich viele Krankheiten aus. Viele arme Menschen können es sich nicht leisten, sauberes Trinkwasser zu kaufen. Ebenfalls ein Problem stellen die Feinstaubgrenzwerte dar. Sie sind sehr hoch, die Belastung für die Menschen dramatisch. „Auch wir merken, dass unsere Atemwege angegriffen sind. Es zeigt sich, dass zuerst die Natur und in der Folge die Menschen leiden“, sagt Hans-Georg Hollenhorst. Auch die Aids-Rate ist in der Region sehr hoch.

Im Dezember 2018 gab es einen schweren Unfall mit 15 Toten und überregionaler Presse. Schockierend: Wenn ein Unfall passiert, ist niemand verantwortlich. Wegen des Vorfalls werden die Minen momentan von der Polizei bewacht. Die Gäste aus Deutschland können das Abbaugebiet nur aus dem Auto sehen, Fotos und Berichterstattung sind nicht erwünscht.

Gewerbe ohne Zukunft

Der Kohleabbau ist ein Gewerbe ohne Zukunft. Nach Einschätzung des örtlichen Bischofs gibt es in 15 Jahren in der Kohle keine Arbeitsplätze mehr in der Region. Fatal: Der Raubbau an der Natur macht auch einen Wechsel zur Landwirtschaft unmöglich.

Was versucht die Kirche? Die Enzyklika „Laudato Si‘“ ist dem Bischof wichtig, ebenso die Bewusstseinsbildung für die Problematiken. Die Kirche unterstützt die Menschen in der Gesundheitsvorsorge soweit wie möglich. Ordensschwestern besuchen alle Familien. Zentrales Anliegen für die Verbesserung der Situation vor Ort ist einmal mehr die Förderung von Schulbildung.

Pfarreien als „Entwicklungspunkte“

In diesem Kohleabbaugebiet gibt es wenige sehr große Pfarreien, die stark wachsen und denen zumeist noch die Infrastruktur fehlt. Eine Schule ist da, andere Gebäude und auch die Kirchen fehlen.

Pfarrei „Trinity Parish in Sutnga“: Gäste nehmen an Geschicklichkeitslauf teil

Die Gäste aus Deutschland besuchen eine Pfarrei vor Ort. Viele arme Kinder besuchen die örtliche Pfarreischule. Teilweise kommen die Kinder aus Nepal – ihre Eltern arbeiten in der Region.

Einmal im Jahr feiert die Schule ein großes Sportfest. Die Gäste nehmen an einem Geschicklichkeitslauf teil und dürfen den Gewinnern anschließend die Preise verleihen. „Wir haben uns nicht schlecht geschlagen, aber letztendlich hatten wir keine Chance“, sagt Johannes Hunkenschröder und lacht.

Preisverleihung beim Sportfest der Pfarreischule in der Diözese Jowai, Nordostindien. © Missio Aachen/Bistum Münster

Pfarrei „Good Shepard Parish in Ladrymbai“: 25 Taufen an einem Abend

Beeindruckend: In der großen Pfarrei mit 9.000 Katholiken gibt es an dem Abend, an dem die Gäste aus Deutschland da sind, 25 Taufen. In den vergangenen acht Monaten waren es insgesamt schon 300 – unglaublich. Zu der Pfarrei gehören 24 Dörfer, zum Teil 1,5 Stunden Fahrt entfernt.

Eine Kirche gibt es in der Pfarrei (noch) nicht. Sie wird heiß ersehnt, aber ohne Hilfe von außen ist der Aufbau der Grundstruktur der Pfarreien nicht möglich.

Aufbau der Diözesanebene: Sozialcenter bieten Kindern Perspektive

Auch auf der Diözesanebene hat der Aufbau der noch so jungen Diözese begonnen. So gibt es ein Pastoralcenter, in dem viel SCC-Arbeit (Soziale christliche Gemeinschaften mit dem Bibel teilen) geleistet wird, aber auch Jugend- und Sozialkurse angeboten werden. Die 3. Etage des Centers fehlt noch für mehr Zimmer und auch eine Kapelle ist noch nicht vorhanden. Nebenan ist ein kleines Gebäude: das Sozialcenter der Diözese. Insgesamt gibt es in der gesamten Diözese zwei davon. Ein weiteres liegt im Osten.

Das Pastoralcenter der Diözese Jowai befindet sich im Aufbau. © Missio Aachen/Bistum Münster

In den Centern finden von der Polizei aufgegriffene Straßenkinder Zuflucht, die etwas gestohlen haben und auch andere Strassenkinder. Dort bekommen sie kurzfristig Unterkunft und Pflege. Am nächsten Tag gibt es einen Kontakt mit der öffentlichen Verwaltung: es erfolgt die Rückführung in die Familie oder die Aufnahme in ein staatliches Kinderheim. Eventuell wird eine Schulausbildung bis zum 18. Lebensjahr ermöglicht. Ab dem Zeitpunkt sind die dann jungen Erwachsenen auf sich allein gestellt und müssen für sich selbst sorgen.

Bischof Victor Lyngdoh sagt: „Mir wird manchmal richtig mulmig zumute, wenn ich die ganze Arbeit und die Herausforderungen sehe, die vor mir liegen.“ Er freut sich gleichzeitig auf den Besuch in Münster und anschließend in der Diözese Aachen und hofft auf Unterstützung.

Von der Reisegruppe des Bistums Münster und von Missio Aachen.

Das Bistum Münster war gemeinsam mit Missio in Nordostindien unterwegs. Die Region ist die diesjährige Partnerregion des Monats der Weltmission, dessen Eröffnung im Oktober in Münster stattfindet. Die Gruppe besuchte die Gäste und Projektpartner, die im Herbst auch nach Deutschland kommen werden. Die Reise führte durch vier Diözesen: Guwahati, Itanagar, Tezpur und Shillong. Es ging unter anderem um die pastorale Arbeit, soziale und kulturelle Projekte, Bildungsangebote.

Zu allen Blogbeiträgen der Reisegruppe in Nordostindien.

Weitere Beiträge der Nordostindienreise im Weltkirche-Blog.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.