Erzbischof Schick: Möge Syrien auferstehen

Erzbischof Ludwig Schick blickt über die Dächer von Aleppo. © Deutsche Bischofskonferenz/Sowa

Erzbischof Schick hat gemeinsam mit der polnischen Kirche Syrien besucht. Bei der Solidaritätsreise besuchte er Caritas-Projekte und traf Vertreter der christlichen Kirchen.

Die viertägige Reise nach Syrien wurde aus Sicherheitsgründen weitgehend geheim gehalten. Nur wenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Bamberg und guten Freunden habe ich davon erzählt. Ihre Reaktionen waren meist: „Wie kann man nur jetzt nach Syrien reisen?“ Oder „Pass gut auf Dich auf!“ oder „Wir denken an Sie und beten für Sie, damit Sie heil zurückkommen“. Meiner Familie – Schwester, Nichten und Neffen – habe ich vorsorglich nichts gesagt, um ihnen Beunruhigungen und Sorgen zu ersparen.

Eine Reise nach Syrien ist derzeit tatsächlich abenteuerlich. Direkt nach Syrien kann man nicht fliegen. Die Sanktionen gegen das Assad-Regime lassen keinen internationalen Flugverkehr zu. Mit der kleinen Delegation, die vor allem aus Mitarbeitern der Caritas Deutschland International und der Weltkirchenabteilung der Deutschen Bischofskonferenz bestand, ging es mit dem Flugzeug nach Beirut. Von dort bereits morgens um vier Uhr mit dem Auto nach Aleppo, dem Hauptziel unserer Reise. Acht Stunden waren eingeplant, zehn Stunden dauerte die Fahrt. An der Grenze wurden wir zwei Stunden aufgehalten, bis alle Papiere für die Einreise ausgestellt und alle Kontrollen des Gepäcks und der Personen durchgeführt waren. Auf dem Weg mussten wir Checkpoints mit Passkontrollen und Autoinspektionen passieren.

Dabei bemerkte ich, dass das Wort „Caritas“ wie ein Zauberwort wirkte. Unsere Fahrer, die mit den Soldaten arabisch sprachen, nannten jedes Mal den Begriff Caritas, das einzige Wort, das ich bei den Gesprächen verstand. Sobald es ausgesprochen war, verliefen die Kontrollen schnell und ziemlich reibungslos.

In Aleppo angekommen, durchfuhren wir zunächst den Ostteil der Stadt, der völlig zerstört ist, ein Trümmerfeld, was uns sprachlos machte und bedrückte.

Erzbischof Schick geht durch die Trümmer von Aleppo. © Deutsche Bischofskonferenz/Sowa

Unser Ziel war der Westteil, der zumindest teilweise durch den Einsatz der Assad-Truppen unzerstört geblieben ist. Dort befindet sich auch das Franziskanerkloster, in dem wir untergebracht waren. Wir wurden freundlich von Pater Ibrahim, der während des Bürgerkrieges dort ausgehalten hatte, empfangen. Als Erstes feierten wir die heilige Messe in der Kirche, zu der auch viele einheimische Christen gekommen waren. Obwohl wir ziemlich müde waren, hörten wir nachts in der Ferne Bombendetonationen und Raketeneinschläge. Auch wenn der IS offiziell besiegt ist, gibt es doch immer wieder aus Idlib, einer Rebellenhochburg, Raketenbeschuss auf Aleppo. Ich hatte zwar keine Angst, aber doch ein unruhiges Gefühl.

Denken musste ich aber immer wieder und sagte es auch: Wir werden wahrscheinlich Syrien wieder heil verlassen können, aber die Menschen hier ertragen den Krieg seit 2011, der nicht zu Ende ist; Nachhutgefechte gibt es immer wieder und wie es weitergeht, weiß niemand. Angst und Sorgen bestimmen ihr Leben seit Jahren. Viele sind traumatisiert.


Erzbischof Schick trifft Kinder bei dem Besuch eines Projektes in Aleppo von Caritas international, durchgeführt gemeinsam mit Caritas Syrien. © Deutsche Bischofskonferenz/Sowa

Am nächsten Tag besuchten wir den zerstörten Ostteil. Auf den ersten Blick ist es unwahrscheinlich, dass in diesem Trümmerfeld Menschen leben. Aber wir haben viele, vor allem Frauen und Kinder angetroffen; die Männer sind im Krieg gefallen, in der Armee oder außer Landes. Sie hausen in den Kellern der zerstörten Häuser. Sie haben keine andere Bleibe. Die meisten haben keine Elektrizität und kein fließendes Wasser. Die Caritas Syrien versorgt mit Hilfe von ausländischen Caritasorganisationen diese Menschen mit Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln und Medizin, sie könnten sonst nicht überleben. Um was sie uns besonders baten, waren Wassertanks, damit sie, wenn Wasser gebracht wird, Gefäße haben, in denen sie es für acht und mehr Tage sauber aufbewahren können, bis der nächste Wassertransport kommt.

In den wenigen noch einigermaßen brauchbaren Gebäuden hat die Caritas Aufenthaltsmöglichkeiten für die Kinder eingerichtet. Dort bekommen sie auch einen Elementarunterricht in den drei Fächern Arabisch, Englisch und Mathematik. Alle hoffen, dass in absehbarer Zukunft der normale Unterricht in regulären Schulen wieder stattfinden kann. Viele dieser Kinder sind in all den Kriegsjahren nicht zur Schule gegangen. Die Caritas will helfen, dass sie keine verlorene Generation werden!

Bei dieser Reise war vor allen Dingen wichtig, dass es eine Gemeinschaftsinitiative der Polnischen Bischofskonferenz mit der polnischen Caritas und der Deutschen Bischofskonferenz mit der deutschen Sektion Caritas international war. Die polnische Caritas gibt vor allem über die Organisation HOPE e. V. Minikredite an Christen, die kleine Handwerksbetriebe wie Schreinereien oder Nähereien aufbauen. Das ist eine wichtige Hilfe, damit die Christen in Syrien bleiben und sie sich am Aufbau der Nation beteiligen.


Erzbischof Dr. Tadeusz Wojda und Erzbischof Schick im zerstörten Krankenhaus in Aleppo. © Deutsche Bischofskonferenz/Sowa

Die Situation der Christen ist besonders prekär und schwierig. Viele haben schon vor der Krise, die 2011 begann, Syrien verlassen und während des Krieges noch einmal viele mehr. Die Zahl der Christen in Aleppo ist zum Beispiel von 150.000 vor dem Krieg auf ca. 30.000 jetzt geschrumpft. Die Bischöfe und Priester, die wir trafen, sind sehr besorgt über die Christen in Syrien. Die Kirche in Polen und in Deutschland teilt diese Sorge. Es ist unser Wunsch, dass die Christen in Syrien bleiben. Sie gehören zur Urbevölkerung Syriens, das auch Teil des Heiligen Landes ist. In Damaskus wurde Paulus bekehrt; unmittelbar nach Tod und Auferstehung Jesu bildeten sich Christengemeinden im heutigen Syrien. Wir möchten mit der syrischen Kirche alles tun, dass das Christentum dort bestehen bleibt und lebt.


Nach der Feier der Hl. Messe mit: (v.l.n.r) armenisch-katholischer Erzbischof Boutros Marayati, Erzbischof Dr. Ludwig Schick, melkitischer Erzbischof Jean-Clément Jeanbart, Erzbischof Dr. Tadeusz Wojda SAC (Białystok/Polen) und syrisch-katholischer Erzbischof Denys Antoine Chahda. © Deutsche Bischofskonferenz/Sowa

Es ist auch wichtig für die Zukunft Syriens. Christen bringen die christlichen Sichtweisen von der Würde jedes Menschen und seiner Grundrechte ein, unabhängig von Ethnien, Religion. Sie leben und verkünden die Nächstenliebe zu jedermann und die Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person. Sie setzen sich mit den Werten des Evangeliums und den Tugenden des christlichen Lebens für das Gemeinwohl ein. In Syrien gab es in der Geschichte Zeiten, in denen die Christen der verschiedenen Kirchen mit den Muslimen, ob Sunniten, Schiiten, Aleviten, Jesiden und Juden friedlich zusammenlebten. Es muss unser aller Wunsch, unser Gebet und Engagement sein, dass dieser Zustand wiederhergestellt wird.

Hier ist die internationale Politik, die Wirtschaft, das Finanz- und Kommunikationswesen gefordert und selbstverständlich auch die Religionen, die sich zum einen und einzigen Gott bekennen, der Liebe ist und Frieden will. Wer Hass sät und Krieg, kann sich nicht auf Ihn berufen, sondern er verrät Gott und setzt seinen eigenen Machtwillen und seine eigene politische Vorstellung an die Stelle Gottes. Die Religionen müssen im guten Dialog miteinander helfen, dass alle Menschen den Gott der Liebe und des Friedens, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit erkennen und Ihm dienen.


Begegnung mit dem griechisch-melkitischen Erzbischof Jean-Abdo Arbach (Homs) und dem Nuntius in Syrien Kardinal Mario Zenari in Homs. © Deutsche Bischofskonferenz/Sowa

Auf dem Rückweg konnten wir auch die Stadt Homs besuchen und am Grab des Jesuitenpaters Franz von der Lugt beten. Er wird als Märtyrer verehrt; er wurde getötet, weil er die Christen in Homs während des IS-Terrors nicht allein lassen wollte. In Homs trafen wir auch den Nuntius Mario Zenari, der fast als einziger Diplomat in Damaskus während des ganzen Krieges ausgehalten hat. Wir sind seit Studentenzeiten befreundet. Das Gespräch mit ihm war sehr aufschlussreich über die Situation in Syrien.


Kardinal Mario Zenari im Gespräch mit Erzbischof Ludwig Schick. © Deutsche Bischofskonferenz/Sowa

Die Reise war notwendig, um Solidarität zu zeigen und den Syrern aller Ethnien und Religionen zu versichern, dass sie nicht allein sind. Wir nehmen an ihrem Schicksal teil, setzen uns mit ihnen für Versöhnung und Frieden ein, wir beten mit ihnen und für sie, wir helfen mit materieller und finanzieller Unterstützung zum Wiederaufbau. Kurz vor Ostern lässt sich unser Bitten und Beten, der Sinn und das Ziel unserer Syrienreise so zusammenfassen: Syrien möge auferstehen zu neuem Leben, zur Einheit in Versöhnung und Frieden und zum Wohlergehen aller für eine bessere Zukunft.

Von Erzbischof Dr. Ludwig Schick.

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