Weltkirche: Universalität, nicht Uniformität

Klartext-Insignie mit Foto von Markus Demele. Bild: Kolping International

Der Machtzuwachs der Kirche von Rom im Laufe der Jahrhunderte ist beispiellos. Aus dem „primus inter pares“ entwickelte sich ein Jurisdiktionsprimat des Papstes mit universalkirchlichem Anspruch. Zeitgleich wuchs die katholische Kirche weltweit in nahezu alle Länder und Kulturen. Jede dieser jungen Ortskirchen speist ihre Legitimität aus der Einheit mit dem Bischof von Rom, ihm geloben alle Bischöfe Gehorsam. Katechismus, Kirchenrecht und Instruktionen wollen sämtliche gemeinschaftsbezogenen sowie persönlichen Aspekte des Glaubenslebens regeln. Doch diese globalen Normierungen des Katholischen werden vor allem in Europa von immer weniger Gläubigen mitgetragen.

Demokratische Prinzipien sind für den Gegenwartsmenschen selbstverständlich. In der Wahrnehmung der meisten ist es Ausdruck ihrer Menschenwürde sowie ihrer Bürgerrechte, umfassende Beteiligungsmöglichkeiten wahrnehmen zu können. Wenn Papst Franziskus mit Blick auf synodale Versammlungen in der Kirche anmahnt, die „Logik des Parlaments zu verlassen“, steht dies quer zu den legitimen Verfahren der Entscheidungsfindung in den meisten Ländern der Welt.

Ruf nach institutionellen Änderungen

Gleiches gilt, wenn Frauen und Männern nicht uneingeschränkt gleiche Rechte zukommen. Denn dies widerspricht nicht nur den Verfassungen aller europäischen Staaten, sondern auch zutiefst dem Gerechtigkeitsgefühl der Menschen. In den Dienstämtern der katholischen Kirche ist aber genau dies der Fall. Aus dem Kontrast, den die Gläubigen tagtäglich zwischen kirchlichem Anspruch an katholisches Glaubensleben und freiheitlicher politischer Grundordnung wahrnehmen, erwächst der Ruf nach institutionellen Änderungen – vor allem in der deutschen Ortskirche, aber auch in vielen weiteren Diözesen der Weltkirche auf allen Kontinenten.

Meist jedoch muss die Weltkirche als Totschlagargument gegen jede Kirchenreform herhalten. Ihre Einheit stehe in Gefahr. Eine zu große Varianz in der Glaubenspraxis führe ins Schisma, wird angemahnt. Aber ein Blick in die Realität der Diözesen der Welt spricht dafür, dass die derzeit diskutierten Strukturreformen in einzelnen Ortskirchen keineswegs die Einheit der Universalkirche bedrohen. Die katholische Welt ist in ihrer Glaubenspraxis schon jetzt viel heterogener als das Missale Romanum glauben lässt. Teils gravierende Abweichungen von der römischen Norm gibt es gleich in mehrere Richtungen. In vielen Ortskirchen des Globalen Südens etwa verbindet sich das Weiheamt mit traditionellen Heiligkeitszuschreibungen an religiöse Führungspersonen, die eine klerikale Überhöhung der Amtsträger befördern. Noch weit über das Kirchenrecht hinaus üben dann Pfarrer und Bischöfe Macht über die Gläubigen aus. Andernorts wiederum, in Zentralamerika etwa, übernehmen Laien als Delegados de la Palabras de Dios die Seelsorge in den entlegensten Gebieten.

Extrem große Bandbreite des Geduldeten

Auch die priesterliche Ehelosigkeit wird in vielen Kulturen weniger strikt gehandhabt. Das Zölibats-Versprechen steht so diametral zu den lokalen Vorstellungen von Männlichkeit und Sexualität, dass es in der Praxis kaum eine Rolle spielt. Duldung durch die Hierarchie und Akzeptanz in den Gemeinden sind in einigen Ortskirchen Afrikas, aber auch Asiens die Regel und nicht die Ausnahme.

Eine weitere Diskrepanz: Schlicht unvereinbar mit den Maßgaben des Lehramtes ist in manchen Ortskirchen der Umgang mit LGBT. Zwar formuliert der Katechismus durchaus diskriminierend, aber fordert doch homosexuellen Menschen mit „Achtung“ zu begegnen. Ablehnung, Ausgrenzung bis hin zu Gewalt und Mord erleben LGBT in fast allen afrikanischen Staaten. Auch die Kirchen bieten da leider nur selten Schutzräume oder fördern Akzeptanz und Inklusion. In anderen Diözesen Europas und Nordamerikas wiederum gibt es Arbeitskreise mit dem Auftrag, die Seelsorge für Homosexuelle zu gestalten.

Sehr unterschiedlich sind die kulturellen Besonderheiten auch, wenn es um die Stellung der Frau geht. In einigen Regionen bestätigen sich kultureller Machismus und kirchliche Frauendiskriminierung wechselseitig und weisen den Frauen allein „die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria“ zu. In anderen Diözesen wiederum nehmen Frauen, vor allem Ordensfrauen, schon jetzt Dienstämter bis zur Gemeindeleitung wahr. Auch hier ist die Bandbreite des Geduldeten bereits extrem groß.

Räume wieder öffnen

Die Einheit der Weltkirche ist nur dann in Gefahr, wenn man Universalität mit Uniformität verwechselt. Die „versöhnte Verschiedenheit“, von der im ökumenischen Dialog gesprochen wird, ist schon jetzt der Modus der globalisierten katholischen Kirche. Dennoch bedarf es eines weltkirchlichen Austausches darüber, welche Glaubensüberzeugungen weltweite Identitätsmerkmale der Universalkirche sein sollen. Hierfür kommt in der Tat nur ein weltweites Konzil in Frage, weil die Nachfolger Petri die Kirche in vielen heute diskutierten Fragen durch ihre „endgültigen“ Aussagen in Sackgassen manövriert haben. Das Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ von Johannes Paul II. aus dem Jahr 1994 zur Unmöglichkeit der Weihe von Frauen ist ein Beispiel dafür, wie die Spielräume der Ortskirchen bewusst geschlossen wurden.

Diese Räume gilt es wieder zu öffnen. Die vielfältige Wirklichkeit der Ortskirchen heute ist keine Bedrohung für die Einheit der Universalkirche. Vielmehr weist sie den Weg in eine den Geist der Freiheit atmende weltweite Gemeinschaft der Glaubenden.

Von Dr. Markus Demele

Markus Demele ist Generalsekretär des katholischen Sozialverbandes Kolping International in Köln

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