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Allerheiligen in Bolivien

Mesa de Kanchakus - Allerseelen in Bolivien. Foto: Kolping Bolivien

Das Fest Allerheiligen spielt im Leben der Bolivianer und natürlich der dortigen Kolpingmitglieder eine besondere Rolle. Schon unter verschiedenen indigenen Völkern Boliviens war vor der Ankunft der Spanier der Totenkult ein tief verwurzelter Brauch. Mit der Ankunft der spanischen Konquistadoren wurde diese Feier mit dem Fest Allerheiligen zusammengelegt.

Schon Tage vorher werden vor allem im andinen Hochland kleine Brote aus Weizen- und Maismehl, Maiskekse und t’antawaways (Figuren aus Teig in Form von Vögeln, geometrischen Mustern und Menschen, die die Verstorbenen symbolisieren), gebacken.

Mitglieder der Kolpingsfamilien können in Ausbildungskursen die Zubereitung dieser typischen Backwaren lernen und haben so die Möglichkeit, ein zusätzliches wirtschaftliches Einkommen für die Familie zu erwirtschaften, in dem sie diese verkaufen. Das süße Brot wird verschenkt und den Verstorbenen aufs Grab gebracht. Davon profitieren besonders Kinder und arme Menschen, die sich die Süßigkeiten sonst nicht leisten können.

Das Fest beginnt mit der Vorbereitung eines Tischaltares, der in Form von Stufen aufgebaut wird. Das soll den Weg darstellen, auf dem der Geist kommt und geht. Der Tisch ist reich gedeckt mit Blumen, süßem Brot, Getränken, und den Lieblingsspeisen der Verstorbenen, deren Foto in der Mitte des Tisches steht.

Tischaltar in Bolivien. Bild: Kolping Bolivien

mesa de kanchaakus en todos santos
Tischaltar in Bolivien. Bild: Kolping Bolivien

So wartet man festlich gekleidet zu Mitternacht des 1. Novembers, wenn nach der Tradition die Seelen der Toten in ihre ewige Heimat zurückzukehren, auf die Seele des zuletzt Verstorbenen der Familie. Zu „normalen“ Zeiten (ohne Corona), empfangen die Familien Dutzende oder sogar Hunderte von Besuchern vor ihrer Tür. Sie werden eingeladen, Chicha oder Likör mit Früchten zu trinken und zu essen. Es werden Gebete gesprochen und Lieder zum Gedenken an die Verstorbenen gesungen. Alles, was auf dem Tisch liegt, wird mit den Gästen geteilt. Die Toten, so glaubt man, kommen aktiv vom Himmel auf die Erde und nehmen am Fest inmitten der Familie teil, wo sie bis zum nächsten Tag bleiben. Indem man die Toten mit ihren Lieblingsspeisen milde stimmt, erwartet man im Gegenzug, dass sie sich für die Lebenden einsetzen, in dem sie z.B. für genügend Regen sorgen.

Zwischen den Mahlzeiten gehen die Familien auf den Friedhof und richten die Gräber. Am Abend des 1. Novembers feiert man auf dem Friedhof bei den Familiengräbern. Dabei teilt die Familie chicha und andere alkoholische Getränke mit den Verstorbenen, indem jeweils, bevor man selber trinkt, ein Schluck auf die Erde und aufs Grab geschüttet werden.

Die Kolpingmitglieder gedenken zu Allerheiligen natürlich besonders auch Adolph Kolping. Sie versammeln sich im Gebet und feiern die Eucharistie zu seinem Gedenken. Dabei wird besonders um seine Heiligsprechung gebetet.

Die Kolpingsfamilien sind als Selbsthilfegruppen organisiert und starten immer wieder Projekte, um die Probleme in ihrem sozialen Umfeld zu lösen. Dazu gehören vor allem Einkommen schaffende Maßnahmen, die es den Kolpingmitgliedern und ihren Familien ermöglichen, der Armut zu entkommen.

Dieses Jahr ist Allerheiligen geprägt von der Corona Pandemie, die in Bolivien viele Todesopfer, auch in den Kolpingsfamilien, gefordert hat. Helfen konnte Kolping Bolivien durch die Verteilung von Essenskörben an besonders Bedürftige, die aus dem Kolping Corona Fond von Kolping International finanziert wurden.

Eine große Hilfe für die Bevölkerung sind besonders in der jetzigen Situation die Gesundheitszentren und Hospitäler des Kolpingwerkes Bolivien, die qualitativ hochwertige Dienstleistungen für materiell arme Menschen anbieten. Aus dem Corona Fond wurde auch Schutzkleidung für diese Einrichtungen finanziert.

Von Sigrid Stapel

Sigrid Stapel ist Referentin für entwicklungspolitische Bildungsarbeit & Kampagnen bei Kolping International.